18. Midlife ohne Superwoman-Cape: Alles haben – aber nacheinander!
Shownotes
Midlife ohne Superwoman-Cape: Alles haben – aber nacheinander! Was hinter dem Versprechen „Du kannst alles haben“ steckt – und warum ab 40 endlich Platz für das Eigene ist.
Themen dieser Folge:
Woher der Satz „Du kannst alles haben“ kommt, von Helen Gurley Brown bis heute Warum dieses Versprechen für Frauen trotzdem wichtig war und Mädchen bis heute stärkt Das fehlende Wort: „gleichzeitig“, und was Michelle Obama dazu gesagt hat Was „alles haben“ eigentlich bedeutet, und wer das für uns definiert hat Das Superwoman-Ideal: Karriere, Kinder, Haushalt, perfekte Figur und immer gut gelaunt Stress, Perfektionismus und Burnout: was die Studien sagen Mental Load im Midlife: wenn wir „alles haben“ und trotzdem erschöpft sind Nicht gleichzeitig, sondern nacheinander: warum das Leben in Kapiteln stattfinden darf Späte Kapitel: Frauen, die mit 40, 49 oder später erst richtig durchgestartet sind Warum Midlife der Moment ist, endlich Platz für das Eigene zu machen
Impulse zum Mitnehmen:
Frag dich: Wessen Definition von „alles“ lebst du gerade? Du musst nicht alles gleichzeitig schaffen. Was hat gerade Vorrang, was darf warten? Ein Kapitel, das jetzt nicht passt, ist nicht verloren. Es kommt vielleicht später. Plane bewusst Raum für etwas, das nur dir gehört, auch wenn es klein anfängt.
Und jetzt du: Welches Kapitel deines Lebens wartet gerade noch auf dich? Schreib es uns!
Wichtig: Wir sind keine Ärztinnen und keine Psychologinnen. Wenn du dich dauerhaft erschöpft oder ausgebrannt fühlst, sprich bitte mit deiner Ärztin oder einer Fachperson.
Quellen & Studien:
Helen Gurley Brown (1982): Having It All: Love, Success, Sex, Money … Even If You’re Starting with Nothing § 1356 BGB (alte Fassung, bis 1977): Erwerbstätigkeit der Ehefrau nur, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“ Beaman, Duflo, Pande & Topalova (2012): Female Leadership Raises Aspirations and Educational Attainment for Girls, Science 335 Michelle Obama, Becoming-Buchtour, Brooklyn, 1. Dezember 2018 Anne-Marie Slaughter (2012): Why Women Still Can’t Have It All, The Atlantic Shirley Conran (1975): Superwoman; Marjorie Hansen Shaevitz (1984): The Superwoman Syndrome TK-Stressstudie „Entspann dich, Deutschland“ (2021) Curran & Hill (2019): Perfectionism Is Increasing Over Time, Psychological Bulletin 145 McKinsey & LeanIn.Org (2021): Women in the Workplace Späte Kapitel: Vera Wang (erste Brautmodenkollektion mit 40), Julia Child (erstes Kochbuch mit 49), Toni Morrison (erster Roman mit 39)
HeyFreundin, kannst du reden?! – der Podcast für Frauen im Midlife. Jeden Dienstag eine neue Folge. 📸 @heyfreundin.podcast · ✉️ podcast@heyfreundin.de
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00:00:00: Nina: Frauen können alles haben. Mit diesem Satz sind wir doch irgendwo groß geworden, oder? Draga: Oh ja, von unseren Müttern in der Schule, in jeder Zeitschrift und später in jedem Karriereratgeber Nina: und ganz ehrlich, ich hab diesen Satz irgendwo geliebt, weil er hat mir Mut gemacht und er hat mir auch irgendwo gesagt, was ich ja echt toll fand: Dir steht alles offen. Du musst dich eigentlich nicht klein machen. Du kannst eigentlich alles haben. Draga: Ich hab diesen Satz auch geliebt, aber irgendwann hab ich gemerkt, dass ich ihn in meinem Kopf immer ein Stück weitergesprochen hab: „ Du kannst alles haben, wenn du nur hart genug dafür arbeitest." Nina: Wenn du alles gibst Draga: Wenn du dich gut genug organisierst. Nina: Wenn du es schnell genug anstellst Draga: Und plötzlich war aus einem Versprechen eine To-do-Liste geworden und 'ne ziemlich lange. Und die sollte man bitte auch noch gleichzeitig abarbeiten Nina: Denn das kleine Wort, das uns damals keiner dazu gesagt hat, war: Nicht gleichzeitig. Du kannst alles haben, nur eben nicht gleichzeitig
Draga Und genau darüber reden wir heute.: Nina: Hey Freundin, willkommen bei „Hey Freundin, kannst du reden?" Wir sind Nina und Draga, zwei Freundinnen Mitte 40 aus Stuttgart und das hier ist dein Podcast für all uns Frauen im Midlife. Draga: Für Mütter, für Frauen mit Karrieren, für alle Frauen, die versuchen, das alles gleichzeitig zu stemmen und sich zwischendurch fragen: „Wo bleibe eigentlich ich in dem Ganzen?" Nina: Hier reden wir ehrlich mit Studien, mit echten Geschichten und immer mit dem Gefühl, du bist nicht alleine. Und ich bin Nina. Draga: und ich bin Draga. Nina: Und heute nehmen wir uns diesen Satz vor, mit dem unsere ganze Generation irgendwo groß geworden ist und schauen, was er mit uns gemacht hat. Im Guten wie im Anstrengenden. Und bevor wir loslegen, ist uns wieder eins ganz wichtig: Wenn du gerade da sitzt und denkst: „ Also sorry, aber ich hab eigentlich alles, was ich will und das gleichzeitig." Dann mega. Wir applaudieren dir wirklich. Draga: Herzlichen Glückwunsch. Nina: Gar nicht sarkastisch gemeint, sondern wirklich mega.
Genieß das in vollen Zügen und dann hast du dir das auch vollkommen: verdient. Uns geht es heute nicht darum, irgendjemandem sein Glück auszureden oder ihr Glück auszureden. Draga: sondern um dieses große gesellschaftliche Versprechen an uns Frauen und um die vielen, die sich daran eher erschöpft haben, als dass sie es irgendwie ge-beflügelt hat. Und am Ende, versprochen, wird's richtig mutmachend. Nina: Also lass uns kurz zurückspulen, denn, es ist super spannend, woher dieser Satz mitunter eigentlich kommt. er wurde so richtig populär in den 80ern und die legendäre damalige Cosmopolitan-Chefin, Helen Gurley Brown, hat 1982 sogar zu dem Thema ein Buch geschrieben, das genau so hieß: „Having it all", also das alles haben, „Liebe, Erfolg, Sex, Geld, alles." Das war der Titel.
Draga und dann kam bei uns in den 90er Jahren quasi der Soundtrack dazu. Diese Girl Power, die Spice Girls, die waren überall. Auf dem Federmäppchen, an der Wand im Kinderzimmer, auf 'm Poster, auf der Klassenfahrt im: Bus. Überall lief die Musik. Sag mal ehrlich, welche warst du? Nina: Oh, ich war immer, glaub ich, so 'ne Mischung. Also so performt hab ich immer so 'ne Mischung aus Ginger und Baby Spice, je nachdem, was grade mehr gebracht hat. Draga: Ich fand Poshie, also Nina: Das war klar Draga: Beckham immer schon ziemlich cool und so'n bisschen Mel B. Ich war, glaub ich, so 'ne Mischung zwischen diesen beiden, so von der Persönlichkeit her. Aber mal im Ernst, das war so'n richtiges Gefühl damals von Aufbruch. Die Welt, die gehört uns. Wir können alles werden, was wir werden wollen.
Nina Und die Generation unserer Mütter hat uns das ja eigentlich auch 'n Stück weit so mitgegeben. Selbst wenn vielleicht nicht jede Mutter das so verbal gesagt hat. Denn man vergisst das eigentlich so schnell, aber dass zum Beispiel bis 1977 im westdeutschen, damals westdeutschen Gesetz noch stand, dass eine Ehefrau nur erwerbstätig sein durfte, soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie, Familie auch: vereinbar war, Draga: Wow, überleg mal und 1977 ist gerade mal 49 Jahre her. Eine Frau, die damals 25 war, ist heute erst 74. Das ist keine ferne Geschichte vor, vor irgendwie 100 Jahren. Das ist tatsächlich die Lebensgeschichte vieler unserer Mütter Nina: Ganz genau. Und daran sieht man, wie gewaltig der gesellschaftliche Aufbruch war, den die Generation unserer Mütter miterlebt hat. Und genau diese Frauen haben dann zu uns gesagt oder gefühlt und gewollt: „Du sollst es mal besser haben. Dir sollen mehr Türen offen stehen als mir. Dir sollen alle offen stehen." Und eigentlich war das 'n Riesengeschenk. Draga: Und trotzdem, und da sind wir wieder bei unserem Anfang, ist dieser Satz bei ganz vielen von uns anders angekommen, als er eigentlich gemeint war. Nämlich mit diesem unsichtbaren Zusatz: Wenn du nur hart genug arbeitest, alles gibst und schnell genug bist, dann
Nina Das Kleingedruckte also. Das stand aber nirgendwo.: Aber irgendwo haben wir es alle trotzdem gelesen. Und das Tückische an so 'nem Kleingedruckten ist, das wir da hineininterpretiert haben: Wenn Wenn es dann mal nicht klappt, denkst du nicht: „Boah, dieser Vertrag, das, dieser Satz, das ist ja unfair." Du denkst: „Ich hab wohl nicht hart genug gearbeitet. Ich hab mich nicht hart genug angestrengt." Draga: Und so wird aus einem Versprechen ganz leise so 'ne Pflicht, ohne dass man das überhaupt irgendwie merkt. Nina: Und da gibt's wahrscheinlich so in unserem eigenen Leben oder auch in euren, ganz viele eigene Beispiele für dass man irgendwie meint, man müsste alles auf die Reihe kriegen Draga: Ja klar. Ja, a-an sich der Alltag. Der Alltag ist das beste Beispiel. Es muss ja nicht unbedingt irgendwas Riesiges sein, irgendeine Riesenkarriere. Und bevor das jetzt aber falsch rüberkommt, Ich finde, wir müssen diesem Satz auch mal Danke sagen, Nina: Ja, Draga: so 'n preisen.
Nina unbedingt, weil und das ist ja wichtig, dieser Satz hat auch 'ne ganze Generation von Frauen 'n Stück weit: mutiger gemacht. Er hat uns angetrieben und dazu gebracht, auch uns Dinge zuzutrauen, Draga: an Nina: die unsere Großmutter teilweise noch nicht mal die Option hatten zu denken Draga: Ja, hatten ja gar keine Möglichkeiten. Und das ist ja nicht nur 'n schönes Gefühl, das kann man ja sogar belegen. Das ist uns ja auch immer wichtig. Es gibt eine bekannte Studie, die 2012 in der Fachzeitschrift Science erschienen ist, unter anderem von Esther Duflo, die später den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat. Die haben in Indien Dörfer untersucht, in denen per Gesetz plötzlich Frauen an der Spitze standen Nina: Und was ist da passiert? Draga: Da, wo Mädchen über Jahre eine Frau als Dorfchefin erlebt haben, sind ihre eigenen Ziele gewachsen. Also die Wünsche der Eltern für ihre Töchter übrigens auch. Die Bildungslücke zwischen Jungen und Mädchen ist in diesen Dörfern sogar komplett verschwunden, weil früher war es ja klar, der Junge, hat ja 'n Mehrwert, der darf auch zur Schule gehen, Nina: und das ja leider noch nicht mal Draga: Ja, ja. und Mädchen einfach nicht. Mädchen müssen zu Hause der Mama im Haushalt helfen.
Nina Also das ist der Wahnsinn: und es ist mal wieder dieses Beispiel auch, man braucht, man muss diese Vorbilder und diese Beispiele haben. und heißt im Grunde: Was wir sehen und hören, verändert, was wir uns selbst zutrauen. Und genau das hat „Du kannst alles haben" für uns 'n Stück weit auch getan. Studieren, gründen, führen, gestalten und ohne ' Stück weit diesen Rückenwind Draga: säßen Nina: wir zwar, wir zwei hier vielleicht auch gar nicht mit unserem eigenen Podcast. Draga: wir würden irgendwo zusammensitzen, aber vielleicht hier nicht im Podcast-Studio. Da hast Nina: Und das bedeutet nicht, dass dieser eine Satz dafür zuständig ist. Aber geht um dieses Gesamtgefühl, Draga: Richtig. Nina: dass das Ganze geprägt Draga: hat Ja, und das sieht man auch bei den Mädchen heute, find ich. Die wachsen ganz selbstverständlich mit der Idee auf, dass sie Ärztin, Astronautin oder Chefin von irgendwas werden können, ohne dass das jemand besonders irgendwie finden muss.
Das ist ein Stück weit auch unser Erbe und das dürfen wir ruhig feiern. Ich feier ja die jungen Frauen. Ich bin ja mal gespannt,: deine Tochter die Weltherrschaft übernehmen wird, oder generell einfach unsere Kinder. Ähm, also halten wir fest: Der Satz war nicht falsch, er war vielleicht einfach nur noch nicht fertig damals. Nina: Und das fehlende Stück hat später 'ne ziemlich prominente Frau ausgesprochen, Michelle Obama. 2018 auf ihrer Buchtour stand sie in Brooklyn vor Unmengen von Menschen und hat sinngemäß sehr klar gesagt: „ Du kannst alles haben. Nein, du kannst zwar alles haben, aber nicht gleichzeitig." Draga: Ich stell mir immer vor, wie in dem Moment 1.000 Frauen gleichzeitig ausgeatmet haben. So dieses kollektive: „ Endlich sagt's mal jemand laut."
Nina Und genau darüber hat damals, als wir jung waren, einfach niemand gesprochen. Wir haben „Du kannst alles haben" gehört und daraus ganz automatisch gemacht alles, und zwar jetzt und gleichzeitig, vor allem gleichzeitig, Karriere, Familie, Partnerschaft, Freundschaften, alles parallel: und alles auf 100 sie Draga: Wenn alles gleichzeitig passieren muss, fühlt sich jede Pause wie ein Rückschritt an. Also dann, als hättest du dann in dem Moment kurz versagt, wenn du dich ausruhen möchtest oder- Das geht ja nicht immer Nina: ja nicht überall 100 Draga: Ja, natürlich nicht. Schaltest du im Job mal einen Gang runter, hast du Angst, den Anschluss zu verlieren. Gibst du Vollgas in der Karriere, hast du Angst, woanders was zu dann irgendwie bei der Familie. Nina: Ja, und dann hast du wie immer das Gefühl, irgendwo hinterherzuhinken. Und keiner hat uns gesagt: „Hey, das ist normal. Das Leben hat Phasen, du darfst Schwerpunkte setzen und die dürfen sich dann auch wieder verschieben." Draga: Man hat immer das Gefühl, genau, dass man irgendwo hinterherhinkt, hast du ja auch gesagt. Unsere Mütter konnten uns da ja auch gar nichts vorleben wirklich. Die waren die Ersten, die diese Türen überhaupt aufgemacht haben und hatten selbst kein Vorbild dafür, wie man das alles in einem Leben unterbringt, alles irgendwie gleichzeitig.
Nina und in dem Fall sind wir mit die erste: Generation, die das alles ausprobiert hat, ohne Gebrauchsanweisung, ohne dass jemand das alles erklärt hat und ohne das kleine Wort nacheinander, nicht gleichzeitig. Draga: Ja, und trotzdem haben wir's versucht mit allem, was wir hatten. Und das find ich eigentlich schon ziemlich beeindruckend, muss ich sagen. Nina: Das ist es, definitiv. da muss man dann auch mal fragen: Was heißt dieses alles haben eigentlich gesellschaftlich gesehen? Draga: Ich glaube, gesellschaftlich ist das so'n riesiges Paket. Auf jeden Fall die Karriere, Kinder, die Traumbeziehung mit Ken, also Ken und Barbie, schöne Wohnung, tolle Freundinnen. Du sollst fit sein, du sollst schlank sein, du sollst tolle, erfüllende Hobbys haben. Du sollst auch 'n Ehrenamt, ähm, begleiten und bitte alles mit Leichtigkeit und gut gelaunt. Pfeifend Nina: Leben Draga: Pfeifend. hüpfend über 'ne Blumenwiese laufen, ja.
Nina klar. Also eigentlich fünf bis acht Leben in: einem und das Ganze mit einem perfekten Lächeln. Draga: Dafür gab es in den 80ern sogar einen eigenen Begriff: Die Superwoman, die Frau im Kostüm. Aktentasche in der einen Hand, Baby auf dem Arm, perfekt geschminkt. Mit genau diesem Bild sind wir groß geworden und das betrifft ja nicht nur Mütter. Auch Frauen ohne Kinder kennen diesen Druck total, da sieht das Paket nur anders aus. Dann ist es die Karriere, dann ist es immer, es ist ja immer der tolle Körper. Dann gehören aber dann auch spannende Reisen dazu, ein Riesenfreundeskreis mit unterschiedlichen, kultivierten, witzigen Leuten und bitte unbedingt dann noch dieses Sabbatical auf Bali. Nina: Absolut und vielleicht kannst du die Yoga-Ausbildung dann noch so dazu Draga: Ja, ich war auf 'nem Yoga Retreat. Nina: Ja klar, mega alles, aber es ist dieses, Draga: Das ist dieses Es
Nina diese Erwartungsgeha- äh, -haltung, diese gesellschaftliche Erwartungshaltung. Und gleichzeitig kann alles für jeden Einzelne von uns auch wieder etwas ganz anderes, völlig Neues bedeuten. Für die eine von uns ist: es die große Karriere, für die andere Zeit mit den Kindern, für die anderen ruhiges Leben aufm Land und für die nächste Freiheit und Abenteuer. Aber das gleichzeitig im Sinne von: Für dich ist es, du alles gleichzeitig haben willst, dein Traumhaus, Kinder, du bist nur zu Hause, all diese Dinge. Du bist in der perfekten Beziehung, aber familiär. Und für die andere ist es, ja, dieser CEO-Posten und die, und die Führungskraft und das tolle Gehalt, ja. Alles in diesen verschiedenen Paketen. Und für manche ist genau das, was sie da gerade haben, auch wunderbar. Für sie ist gerade dieses Gefühl: „Ich habe gerade alles."
Und dann ist das auch vollkommen toll, wenn, wenn du für dich dieses Gefühl gerade hast. Und darum geht es uns heute gar nicht. Wir reden nicht von dir da draußen, die wirklich mit allem mega zufrieden ist. Und das ist so toll und wir feiern das, wie wir's immer sagen. Wir reden wirklich von diesem: breiten gesellschaftlichen „Alles haben", und zwar gleichzeitig als Frau. Und von dem Bild, das uns jahrelang als Maßsta, als Maßstab vorgehalten wurde, wie so die Karotte irgendwie vor dem Esel Draga: vor der Nase. Und die eigentliche Befreiung liegt, glaub ich, in der Frage: Was ist mein ganz persönliches Alles? Und, äh, eben nicht das, was auf irgend'nem Plakat steht oder auf Social Media, wie das suggeriert wird, sondern mein persönliches Alles.
Nina Mhm. Und weißt du, welche Frage ich mir da dann doch noch stelle? Wer hat eigentlich festgelegt, wie schnell das dann auch noch alles gehen soll? Also klar, die Biologie hat bei manchen Dingen Wörtchen mitzureden, aber der Rest? Karriere mit 50 anfangen, studieren mit 54 oder mit 45, die große Weltreise mit 60. Steht nirgendwo, dass das nicht geht oder dass das irgendwo alles zwischen 35 und 42 hätte passieren: sollen. Draga: das stimmt. Wir haben uns einen Zeitplan gemacht, den uns eigentlich nie jemand offiziell vorgegeben hat und wir laufen ihm trotzdem jahrelang hinterher. Als gäbe es irgendwo so 'ne Stoppuhr, die dann mitläuft. Und deswegen mag ich auch so 'ne kleine Übung ganz gerne. Schreib mal auf, was dein Alles wäre und dann streich alles durch, was da nur steht, weil man das eben so hat. Weißt du, weil, weil irgendwie das gehört sich so oder das, das sollte man, ja, das sollte man haben oder das, das würde mich jetzt irgendwie auch glücklicher machen. Nina: Und nach dem Wegstreichen, was bleibt dann wahrscheinlich übrig? Draga: Oft erstaunlich wenig. Aber das, was übrig bleibt, ist dann wirklich deins und dafür lohnt es sich.
Nina Und oft merkt man dabei vielleicht auch, dass man manche Dinge eigentlich nur für andere tun wollte. Für die Eltern, für die Erwartungen der Familie, fürs Umfeld, für das eigene Bild, für das Bild, das man früher vielleicht mal von sich selbst hatte oder haben wollte. Und das darf man auch: ganz liebevoll loslassen, denn das jüngere Ich hat's ja auch nur gut gemeint. Draga: Total. Ich hab mich ja früher so verrückt gemacht in jungen Jahren für, die Gastarbeiterkinder, also meine Generation, war's ja klar, da werden sich wahrscheinlich sehr, sehr viele wiederfinden. Die einzige Möglichkeit, wirklich erfolgreich zu sagen: „Du hast es in Deutschland geschafft mit deinen Kindern", ist, wenn dein Kind entweder Arzt wird oder Anwalt. Es gab nichts dazwischen. Du hattest entweder Arzt oder Anwalt. Das war für meine Eltern so- Nina: es gibt ja na-, es, es nach ganz viele Kulturen, Draga: Total, ne. Das waren so diese zwei Berufsgruppen. Nun war ich jetzt nicht die Fleißigste in der Schule. Nun war ich jetzt weder interessiert an der Schulmedizin noch an, an, ja, an dem Juristischen. Ähm, hab mir aber ganz oft so diesen Stress gemacht Gott sei Dank kam ja das Leben einfach dazwischen, so im Nachhinein. Nina: Mhm.
Draga Aber ich dachte trotzdem irgendwie „Hey, ich könnte das schaffen. Ich könnte das alles haben. Ich könnte Ärztin sein und: Anwältin." Nina: Wie schön. Draga: Weißt du? Nina: Ja, wenn du das, wenn du das, das ist ja wieder das, wenn du das möchtest, wenn das das ist, was du wirklich aus dir heraus, aus deiner Persönlichkeit heraus wirklich möchtest, natürlich kannst du das machen und haben. Draga: aber nicht. Es Nina: Das ist wa..., genau, das ist weißt du, das ist ja dann wieder was komplett anderes. Und genau dieses gesellschaftliche Komplettpaket, äh, Ärztin und Anwältin gleichzeitig, bleibt ja dann nicht folgenlos. Bei der Vorbereitung auf diese Episode hab ich mich auch gefragt: Ist das eigentlich nur mein Gefühl, dass dieses Versprechen uns so viel Stress und so hohe Erwartungen an unsere Generation und uns selbst gestellt hat und dann auch so viel Perfektionismus uns beschert hat? Oder gibt es dazu auch Zahlen?
Draga Es ist leider nicht nur ein Gefühl. In der großen Stressstudie der Techniker Krankenkasse von 2021 sagt gut jede vierte Person in Deutschland, dass sie häufig gestresst ist. Deutlich mehr als noch vor acht Jahren. Und jetzt rate: mal, was da ganz oben bei den Stressgründen steht, direkt neben dem Job. Die Schwiegermutter? Nina: Meine Schwiegermutter? Sorry. Draga: Fast. Die hohen Ansprüche an sich selbst. Nina: Und da ist wieder unser Kleingedrucktes Hart arbeiten, alles geben, schnell genug sein, alles irgendwie auf die Reihe kriegen. Und das sind ja genau die Sätze, die dann in unserem Kopf weiterlaufen, auch wenn längst eigentlich kein Mensch mehr hinguckt Draga: Und das passt ja auch zu einer großen Langzeitauswertung zum Perfektionismus, über die ich gelesen habe. Da wurden über 40.000 junge Menschen aus den USA, Kanada und Großbritannien über fast 30 Jahre hinweg befragt und das Gefühl, dass andere Perfektion von einem erwarten, ist in dieser Zeit um ein ganzes Drittel gestiegen. Überleg dir das mal. Nina: das ist ja auch verrückt. Draga: Mhm.
Nina Und das ist ja genau dann die Zeit, in der wir groß geworden sind. Und dazu ist zu sagen, das ist übrigens kein reiner Fraueneffekt. Das Thema als solches betrifft eine: ganze Generation. Aber bei uns Frauen kam eben noch das alles haben, was ja für uns dann oft auch noch Familie, Mann in anderen Stücken betrifft als Männer, obendrauf. Draga: Und im Job sieht man das ja auch. In einem großen Bericht aus den USA, aus Women in the Workplace mit 65.000 Befragten haben 42% der Frauen gesagt, dass sie mit Burnout kämpfen. Bei den Männern waren es 35%. Nina: Und wenn man das zusammennimmt, ergibt es auch Sinn. Wenn der Maßstab lautet, alles gleichzeitig und alles auf 100%, dann kann das ja nur scheitern. Draga: Und das Bittere ist, man schiebt es sich dann selbst in die Schuhe. Man denkt nicht, der Maßstab ist unrealistisch, sondern wie so oft: Ich bin nicht gut genug. Und dann schränkt man sich noch mehr ein und noch mehr und rennt noch schneller im selben Hamsterrad.
Nina und das Gemeine da dran ist ja auch, dass der Druck irgendwann gar nicht mehr von außen: kommt. Es muss dir gar keiner sagen, dass du das alles schaffen musst. Du machst ihn dir selber. Draga: du sagst es dir doch selber jeden Morgen, deine eigene Stimme in deinem Kopf Nina: Ich schüttel hier den Kopf vor mich her und, da hilft ein Gedanke: Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter hat einen Top-Jobs im USA-Außenministerium mal gehabt und hat ihn dann aufgegeben, weil ihre Söhne sie grade gebraucht haben. Und 2012 hat sie darüber ein Essay geschrieben, der dann weltweit stark diskutiert wurde. Und ihr Punkt war damals: Nicht die Frauen sind das Problem, sondern die Strukturen, die so gebaut sind, als hätte niemand ein Leben neben dem Job.
Draga Ja, und das entlastet ja auch total. Wenn es sich für so viele so schwer anfühlt, dann liegt es ja vielleicht auch gar nicht an mir oder an dir. Dann ist die Aufgabe einfach zu groß für eine einzige Person, zumindest irgendwie alles gleichzeitig zu bewältigen.: Nina: Ganz genau. Wir sind nicht zu schwach für dieses Versprechen. Das Versprechen war einfach viel zu vollgepackt. Und ich finde, das darf man sich dann auch wirklich mal so auf der Zunge zergehen lassen. So viele von uns haben sich jahrelang gefragt, was mit ihnen eigentlich nicht stimmt und warum die andern, immer die andern, das scheinbar alles so locker hinbekommen. Dabei hat es die andern genauso viel Kraft gekostet und sie haben alle nicht drüber geredet. Und genau deshalb reden wir drüber und deswegen ist es auch so toll, dass so viel mehr Frauen auch öffentlich dadrüber sprechen. Draga: Und jetzt kommt eigentlich der schönste Teil, denn wenn man das gleichzeitig streicht, wird das Ganze plötzlich richtig hoffnungsvoll.
Nina Total. Dann heißt der Satz nämlich „Hey, du kannst ganz viel haben. Nur eben nacheinander in Kapiteln." Und ja, wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, Dann war dann war: nie alles gleichzeitig. ich glaube bei uns beiden so viele Kapitel, irgendwie mehr als jede Katze, so viele Leben. Das ist 'n schönes Bild. Draga: In dem alles auf einmal nicht passieren muss, sondern eins mit vielen Kapiteln. Und weißt du, was mich da auch noch mal total motiviert? Wie viele Frauen ihr großes Kapitel erst später aufgeschlagen haben. ich bin ja so, so'n großer Fan irgendwie, Fashion und, und Design und da gibt es eine Designerin, Vera Wang zum Beispiel, die berühmte Brautmodendesignerin. Die hat erst mit 40 angefangen, Kleider zu entwerfen. Vorher war sie Eiskunstläuferin und Moderedakteurin. Überlegt euch das mal. Und sie ist jetzt, ich glaube, Ende 70, hat ein Brautmodeimperium. Ähm, also man kommt gar nicht in den Staaten irgendwie an, an diesen Brautkleidern vorbei. Überlegt euch das mal, Freundinnen. Das lässt uns doch alle hoffen.
Nina Ja, Und ich muss da auch an, mit 40 weil du Vera Wang sagst, dass so amerikanische: Personen in den Kopf kommen. Julia Child, diese amerikanische Kochlegende, die hat ihr allererstes Kochbuch mit 49 veröffentlicht. Martha Stewart, wäre mir mal cool, was sie eigentlich wieder so Icon macht, dass sie im Gefängnis saß. auch diese, diese Haushaltsikone, die eigentlich so Boss ist, hat auch erst in ihren späten 40ern angefangen. Toni Morrison, die Schriftstellerin, ersten Roman mit 39 geschrieben und dann später in den 40ern Literaturnobelpreis gewonnen. Draga: ich finde das so beeindruckend. Die hatten alle vorher schon ein ganzes Leben und dann kam einfach noch ein neues Kapitel dazu. Nina: Und wie toll ist das denn bitte? Und genau das macht Midlife ja zu so 'ner besonderen Zeit. Bei vielen wird es grade etwas ruhiger. Die Schwerpunkte verschieben sich und natürlich wissen wir auch, es ist teilweise von Monat zu Monat nicht so 'ne einfache Zeit. Draga: Zwei gute Tage im Nina: Die zwei guten Tage im Monat, von denen wir immer sprechen.
Aber: auch meistens, wenn du Kinder hast, dann werden die jetzt irgendwie selbstständiger. Wenn wir die guten Tage haben und in Ruhe nachdenken, wissen wir ganz gut eigentlich, was wir können und was in uns steckt. Und plötzlich ist da dann wieder 'n bisschen Platz, emotional, geistig und vielleicht auch in der Zeit und Platz für das Eigene und für die Dinge, die wir damals noch hinten angeschoben haben, weil grade anderes dran war Draga: und die sind ja nicht weg. Die haben einfach nur auf uns gewartet oder auf die richtige, auf den richtigen Zeitpunkt gewartet Nina: Genau, das gefällt mir. Das gefällt mir Draga: Und dazu kommt ja noch was: Wir gehen an diese neue Kapitel heute ganz anders ran als mit Mitte 20. Mit viel mehr Erfahrung und mit mehr Gelassenheit und mit weniger Angst davor, was andere denken. Vieles, was wir uns mit Mitte 20 nie getraut hätten, trauen wir uns heute ganz selbstverständlich Nina: Ja, und ich find das so wichtig. Dieses zweite, dritte Kapitel ist nicht die Resteverwertung von unseren 20ern. Draga: Ja.
Nina Und: manchmal ist es sogar das Beste, weil wir jetzt wissen viel mehr, wer wir sind und wo wir hinwollen. Und wir haben noch so viel vor uns und es muss nicht alles gleichzeitig mehr sein. Draga: Und ganz praktisch vier Dinge zum Mitnehmen. Erstens, mein Lieblingstipp: Die Jetzt-Liste und die Später-Liste. Alles, was gerade dran ist, kommt auf die Jetzt-Liste und alles, was du dir später wünschst, aber gerade einfach nicht reinpasst, kommt auf die Später-Liste. Nicht gestrichen, einfach nur verschoben. Nina: Ja und ich gl..., ernsthaft, ich glaube, diese Kleinigkeiten, diese Bewusstwerdung, dieses Aufschreiben ändert so viel, weil du zu Themen, Wünschen, Träumen nicht mehr einfach nein sagst, sondern einfach nicht jetzt.
Noch nicht. Und dann auch noch Denk in Reglern anstatt in Schaltern. Also nicht Licht an, Licht aus, sondern mehr dieses, so 'n Dimmer. Weil es muss ja nicht immer alles an oder alles aus sein.: Mal ist der Job auf 100 % und die Hobbys nur auf 15 oder 20 und mal ist das komplett umgekehrt. Und man muss nicht immer an- und ausschalten. Es muss nicht immer schwarz oder weiß sein, sondern es darf sich verschieben und es kann auch alles so 'n bisschen in der Mitte sein. Draga: Drittens: Definier dein Genug. Wann ist der Job gut genug? Wann ist die Wohnung ordentlich genug? Wenn du nie festlegst, was genug ist, fühlst du dich nie fertig. Und viertens: Wie immer, sei gnädig mit dir. Wenn gerade eine Sache zu kurz kommt, ist das kein Versagen, sondern einfach die Jahreszeit, in der du gerade steckst und die Jahreszeiten, die wechseln, wie wir alle wissen. Nina: Und für mich sehr tröstlich ist eigentlich immer: Mit Mitte 40 ist man nie zu spät dran und wir sind alle gerade genau richtig. Und, ich will jetzt aber auch von dir wissen, Draga: was steht denn noch auf deiner Später-Liste?
Draga Ein Imperium gründen. Nein, auf meiner: Später-Liste stehen so zwei, drei Punkte. Nina: Abgesehen von der Nähmaschine und, und dem, dem Fashion-Design-Kurs Draga: mal ganz, ganz, ähm, noch mich mal ganz viel auseinandersetzen mit, äh, mit dieser Nina-Nähmaschi..., mit dieser Nina-Maschine, mit der Nähmaschine. Aber, auf der Später-Liste sind so zwei, drei Punkte, was, nach dem Podcast kommt und das kann ich jetzt noch nicht verraten. Was steht denn auf deiner Liste? Nina: Es gibt noch so ein, zwei Weiterbildungen, die ich machen würde Draga: Oh cool. Nina: ohne Grund. Draga: Ja klar. Nina: Absolut und das sind wie ganz viele Dinge bei mir, ohne dass die Teil irgendwie eines strategischen sind, sondern weil ich mir jahrelang gesagt hab irgendwie, keine Ahnung, jemand mit so starker Legasthenie wie ich oder so was kann das nicht. denk ich mir so: „Nee, ich hab ja auch mein Interior Design Studium hinbekommen", Draga: ja klar. Nina: wo ich mir so denke: „Nein, das, das kriegst du auch noch hin." Draga: Mhm.
Nina Und ich mach ja dann da so meine utopischen: Challenges. und da hab ich noch so eine vor mir, von der ich weiß, dass sie hochgegriffen ist. Aber die kommt. Draga: Sehr cool. Wir halten euch auf dem Laufenden. Nina: To be continued Draga: Und wenn's nicht direkt klappt, ist es auch okay. Dann haben wir ja inzwischen gelernt, nicht alles muss sofort passieren und nicht alles muss sofort umgesetzt werden. Nina: werden Draga: Was nehmen wir also mit? "Du kannst alles haben" war ein wichtiger Satz. Er hat uns mutig gemacht und uns so viele Türen geöffnet Nina: Aber ihm hat ein ganz wichtiges Wort gefehlt: Du kannst alles haben, nur nicht alles gleichzeitig. Und das ist keine Niederlage, das ist Freiheit. Und in dieser Realisierung liegt so viel Freiheit.
Draga Und wenn du gerade das Gefühl hast, du hast alles, dann feiern wir dich. Mega. Wenn du gerade mitten in einer richtig vollen Phase steckst, dann halte durch, Freundin. Es kommen auch andere Kapitel. Und wenn es bei dir gerade ruhiger wird, dann schau doch mal auf deine: Später-Liste. Vielleicht ist jetzt genau die Zeit für eins davon. Nina: Und wie immer: Jetzt du. Was steht auf deiner Später-Liste? Was hat die ganze Zeit irgendwo auf dich gewartet? Schreib es uns auf Instagram oder als E-Mail an podcast@heyfreundin.de. Wir lesen jede Nachricht Draga: Wir sind hier und wir finden, du musst nicht alles auf einmal schaffen. Und nächsten Dienstag wartet wieder eine neue Folge auf dich. Nina: Bis dahin mach dir 'ne tolle Woche, Freundin Und gönn dir ein Kapitel nach dem andern
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